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Erika Rauschning - Malerin und Lyrikerin

Man könnte beginnen mit dem Satz: „Im Anfang der Malerei war das Aquarell“. Denn es war Wasserfarbenmalerei, was in Babylonien und Ägypten auf Papyrus oder in Fresken gemalt wurde, es war Aquarell, was im fernen Osten auf Rollbilder, in Japan auf Fächer gemalt wurde. Es sind Wasserfarben, die die Tempel der Antike zierten, die frühchristlichen Katakomben zu festlichen Räumen machten, und ihrer bedienten sich die buchilluminierenden Mönche für ihre Miniaturmalerei. Die Renaissancemaler, besonders in den Niederlanden, lavierten in neutralen Tönen ihre Skizzen, um Licht und Schatten zu verdeutlichen. Der Engländer William Turner belebte dann die Aquarellmalerei als selbstständiges Genre und für alle Sujets fand in Europa des 19. Jahrhunderts die Aquarellmalerei begeisterte Aufnahme. In England gab es eine Royal Society of painters in watercolours mit bedeutenden Mitgliedern und Italien richtete Schulen mit Kursen für die Kunst des Aquarellierens ein. Als diese Kunstgattung mehr oder weniger zum bloßen Studienmittel herabgesunken war, gaben die deutschen Expressionisten ihr neue Bedeutung.

 

Gleichberechtigt neben anderen Techniken sehen wir heute die Aquarellmalerei- und- billigen ihr Überlegenheit beim Ausdruck von starker Unmittelbarkeit der Stimmung zu. Die Schnelligkeit, mit der ein Aquarell im Gegensatz zum Ölbild, Tempera- oder Pastellbild gemalt werden kann, muss, gibt alle Voraussetzung, Wesentliches, Charakteristisches allein zu meistern. Gedrängt durch das Material, ergibt sich eine temperamentvolle Niederschrift.

 

Erika Rauschning beherrscht die Gesetze der Aquarellmalerei auf sublime Art. Diese Gesetze der scheinbar leichten Technik- schließlich hat jeder einen Tuschkasten bekommen und „in Aquarell“ gemalt- sind hart und streng. Korrekturen darf es nicht geben, sie sind nur schwer möglich. Der Maler muss das fertige Bild von Beginn an vor sich sehen, in sich haben.

 

In dem Bild „Hier und da und überall zu sein“ ist das ablesbar. Dichtgedrängt an der linken äußeren Bildseite zwei wegstrebende Tänzer, fast monochrom in stumpfen Blautönen: Die Gesichter, konturiert mit strengem violett-braunem Strich, zeigen Verschmelzung zum Tun. In der Bildmitte der Tänzer, der eine Partnerin im Arm hat, auch er sieht weg von ihr. Der Tanz ist Arbeit. Der Charme des Bildes geht von der Frau aus. Ihr Gesicht, ganz in die Farbe warmen Ockers getaucht, mit dunklem Profil, ist dem Mann zugewandt, ihre Bewegung ihm angepaßt. Leicht wird die Verbindung der Tänzer zueinander wiederhergestellt: Von der Schulter der Frau weht ein blauer Schal, nur ein etwas breiter Pinselstrich, aber genau er schließt die Komposition.

 

Die „Sandgrube“ liegt in den Farben des Sonnenuntergangs. Angeschnitten von der rechten Bildseite, ist der See ein stilles kühles Blau. Sonnengelbe und braune Hügel schirmen ihn ab. Sie tragen stellenweise schwarze Kuppen. Ein geahntes Dorf am Horizont schafft nicht billige Idylle, sondern Spannung zwischen Rot und dunklem Horizont.

 

Erika Rauschning bezieht das Weiß des Untergrundes in ihre Aquarelle kunstvoll ein, Licht in breiten Bahnen setzend. Aber es gibt auch Arbeiten, die, dicht gefüllt durch Farben und Formen, den hellen Untergrund nur sehr akzentuiert als Lichtpunkte aufweisen. So bei den „Schalen mit Trauben und blauer Frucht“. Das Bild lebt von warmen Brauntönen; aufgesetzt auf blaue Untertöne ergibt das ein Farbenspiel von großem ästhetischen Reiz. Äpfel in maigrüner Zartheit, helle Trauben in einer Fußschale, die ihre Standfestigkeit durch kräftiges Blau am Fuß bekommt, werden rechts von einer Flasche gerahmt, in dunkler Nuance zwei Trinkgläser, deren Rundungen mit den Äpfeln korrespondieren, gehören dazu. Reines Licht ist zugelassen, partiell nur, um die Lebensfülle, die von diesem Stillleben ausgeht, zu unterstreichen.

 

Leben- das ist in Erika Rauschnings Lyrik ein beherrschendes Thema, eine oft wiederkehrende Metapher, Lebensfülle treibt sie an. Einmal heißt es:

 

„Du bist unendlich in den Farben

die durch dich hindurchgehen

du lebst“.

 

Das Loten und das Abwägen, das Abgeleiten in menschliche Tiefen gehören zum bewußten Leben von Erika Rauschning. Das Schaffen ist ein Prozess, beglückend und schmerzhaft, niemals ohne Zweifel und Ringen.

Aber Erika Rauschning schreibt auch:

 

“...ich kann fliegen

Das Licht ist mein Nährstoff...“

 

Vom Licht, eingefangen in einer Wolke, schwebend auf einer sparsam besetzten Farbpalette zurückhaltender Brillanz, lebt das Aquarell „Wolke und Erde“. Mit meisterlichem Verständnis für das Verhalten der Farben zueinander, die Verbindungen eingehen, wie sie es will, entstand eine Aussage von großer Noblesse. Das gesehene in der Natur ist intensiviert auf das Blatt gebracht, die Grenzen zwischen Natur und Bild sind gefunden.

 

Caroline Schelling-Schlegel, lebensprühendste Frauengestalt der deutschen Romantik, schreibt an August Schlegel: „O mein Freund, wiederhole es dir unaufhörlich, wie kurz das Leben ist und dass nichts so wahrhaftig existiert als ein Kunstwerk – Kritik geht unter, Systeme wechseln, aber wenn die Welt einmal aufbrennt wie ein Papierschnitzel, so werden die Kunstwerke die letzten lebendigen Funken sein, die in das Haus Gottes gehen- dann erst kommt Finsternis...“

 

Dr. Erika A. Lehmann, Kuratorin für Kirchenschätze, Cospeda, Halle a. d. Saale, Kunstwissenschaftlerin