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ERIKA RAUSCHNING – Autobiographisches aus Kindheit und Jugend

Quot Right

Mein erstes Gedicht schrieb ich mit sieben Jahren, nach einem Naturerlebnis bei meinen Großeltern auf dem Lande. Ich war mit meiner Großmutter in den nahen Wald gegangen, um Brombeeren zu pflücken. Natürlich war zu dieser Zeit,  als Siebenjährige, mein Kopf angereichert mit Phantasien und Märchen. Als wir Brombeeren pflückten, dachte ich an den Fuchs, den Hasen und die Mäuse, die im Untergestrüpp des Waldes lebten. 

Ich war wie erotisiert von der Natur, den Bäumen, der Waldluft, die ich als märchenhaft um mich herum empfand. Schließlich hatte ich das Gefühl, ich müsste etwas aufschreiben. Ich verließ meine Großmutter, lief über das Feld zurück zum Hof der Großeltern. 

Ich schrieb kniend vor einem alten Schreibtischsessel meines Großvaters mein erstes Gedicht in ein altes Kontobuch. 

Es war in mir ein wunderbar berauschendes Gefühl. Ich fühlte mich enthoben. In meiner heutigen Vorstellung sehe ich mich noch ganz genau, niederkniend neben dem alten Schreibtisch, mit den verschiedenen Gegenständen darauf.  Alles ist mir noch so bewusst, als könnte ich es gleich nachzeichnen. 

Dieses Erlebnis hat mich eigentlich mein Leben lang begleitet.

  

Als ich anfing die Welt auch kritisch zu sehen, erlebte ich, wie schnell Augenblicke in Vergangenheit umschlugen. Bei späteren, solchen überhöhten Erlebnissen, prüfte ich mich: „ Ist dir jetzt so wie damals auf dem Lande?“ Dieses Erleben wurde Gradmesser für später Erlebtes. Das Bewusstsein, dass Augenblicke wieder gleich in sich zerfielen, machte mich etwas traurig. Wenn das so weiterginge, dass Höhen kommen und dann Tiefen und man könnte nichts davon behalten, wäre es gut, in einem Gedicht so etwas für sich selbst aufzuschreiben. Dann blieben die schönen melancholischen Augenblicke bei mir. Es war ein kleines Wunder, wenn man sie schreibend erfasste. 

  

In meinem Elternhaus wurde ich mit meinen Gedichten nicht verlacht. Der Umgang mit Literatur war bei uns zu Hause etwas Selbstverständliches. Das kam besonders durch meine Mutter. Mein Vater, der Biologe, sah das alles nüchterner und sehr pragmatisch. Meine Mutter schrieb selbst Gedichte und Kurzgeschichten über Erlebnisse in ihrer Jugend und Schülerzeit in Stralsund, auf Rügen und anderen Orten in Mecklenburg-Vorpommern, die dann in den regionalen Zeitungen veröffentlicht wurden. Ich kannte meine Mutter nur zwischen Haushalt und Büchern. Der Abend gehörte ihr. Sie führte mich schon früh an die literarische Welt heran. Ich war ein Beamtenkind. Wir mussten sparsam mit allem umgehen. Nachkriegszeit nach dem ersten Weltkrieg, dann kamen die 28er und 30er Jahre. Meine Mutter putzte unsere Schuhe. Das war ihr sicher zu langweilig, und so rezitierte sie immer Schillersche Gedichte dabei. Die hörte ich mir dann mit an. Mit dem Klang Schillerscher Gedichte konnte ich so gar nichts anfangen. Aber es war für mich einfach eine Geborgenheit darin. Und das übertrug sich auch später auf das Malen.

   

   

   

   

Intensiv gemalt habe ich schon mit sieben Jahren. Ich saß auf meinem kleinen zusammenklappbaren Hocker in den engen Straßen auf dem Knüppeldamm in den Kleinstädten um Stralsund herum, besonders in Tribsees, wo wir damals wohnten. 

Hier passierte eigentlich mein Start in die Malerei. Ich malte die niedrigen Häuser, von denen man sagte “man kann aus der Dachrinne trinken…“ und  die ausgetretenen Granitstufen. Tribsees lag auf einer kleinen Anhöhe. Jedenfalls zu den Wiesen ging es oft steil herunter. Auf mein damaliges Malen bezogen stellte man fest, dass ich perspektivisch sehr schnell Straßen, Häuser, Türme und Kirchen richtig erfassen konnte. Mit dem Fahrrad fuhr ich bald über Tribsees hinaus zu einer alten Kirche nach Drechow.  Diese Kirche war aus riesigen Feldsteinen erbaut. Derartige Motive zeichnete ich damals in Federzeichnung. Mich interessierte das Zeichnen mehr als das Malen. Der Umgang mit dieser kratzenden Feder, das Eintauchen in die Tinte: Es war einfacher für mich als das Malen im Umgang mit Farbe.  Man konnte besser draußen damit umgehen und man hatte schneller Erfolg und das war wichtig für mich. Durch das Zeichnen in den Orten erlebte ich Orte selbst auch viel intensiver, als ein Durchziehender. Das machte mich glücklich. Zu dieser Zeit fuhren wenige Ackerwagen die Straßen entlang, so dass ich nicht zur Seite rücken musste mit meinen Sachen. Noch heute spüre ich, wie mein Blick nach innen gerichtet den Rundungen der Ziegel nachgeht. 

   

  

   

Wie alles überhaupt mit Rundungen, mit Sinnlichkeit zu tun hatte. Ringsum war es lieblich und  schön.

Später kam dann der erste Tuschkasten. Die Landschaft bestand aus Wiesen und einem kleinen Fluss, die Trebel, die im Winter nicht ganz zufror, weil sie warme Stellen hatte. Manchmal war jemand beim Schlittschuhlaufen eingebrochen, unter das Eis gerutscht und nicht mehr aufgetaucht. Das gab dann wieder neue gespenstische Geschichten, die zu der Landschaft dazu gehörten, wie auch die Bedeutung des Eulenrufes, der aus den Kirchennischen kam. Wir wohnten neben der Kirche in der Schule. Auf den Weiden grasten schwarzweiße Kühe. 

   

Mein Großvater, dem früher in Stralsund das „Hotel zum König von Preußen“ gehörte, hängte meine ersten mit Wasserfarben gemalten Bilder, auf denen kleine Kühe auf den Wiesen grasten, in seinen Gasträumen auf. Er zeigte sich stolz auf seine kleine Enkelin, dass jemand in der Familie malte. Das Talent zum Zeichnen gab es schon in der Familie. Ein Bruder meiner Mutter konnte großartig zeichnen, besonders Karikaturen. Das habe ich eine Zeitlang als junges Mädchen nachgemacht. Es war sehr reizvoll für mich. Von meinem Onkel erzählte man sich, er soll einmal das gesamte Lehrerkollegium des Gymnasiums unten in den Toilettenräumen als Karikatur an die Wand gezeichnet haben. Der Zeichenlehrer kommentierte das mit den Worten:“…das ist großartig, aber wischen sie das ganz schnell wieder ab, sonst fliegen sie von der Schule…“ 

Die beiden Brüder meiner Mutter waren mit ihrer freiheitlichen Art und ihren Möglichkeiten so eine Art Wunschbild in damaliger Zeit für mich.

  

  

  

Früher zu meiner Zeit war es ganz normal, dass man irgendwo an einer  romantischen Ecke draußen malende Maler mit ihrer Staffelei antraf. Es ging ja immer um Motive. Es mussten Motive gesucht werden, in denen Licht und Schatten die Dreidimensionalität der Gegenstände einfingen. Das richtig zu können, war immer mein Bestreben.

Wir hatten zu Hause eine große Bibliothek. Aber Bücher über moderne Kunst zu besitzen, das war eine Seltenheit. Mein Vater rauchte Reemtsma-Zigaretten. Die Firma Reemtsma gab grünlich nummerierte Gutscheine in die Zigarettenschachteln. Wenn man eine Serie zusammen gesammelt hatte, erhielt man einen Kunstband. Wir bekamen z.B. das Kunstbuch in oranger Farbe mit einem goldenen Prägedruck „Moderne Malerei“. Diese Bilder habe ich in mich aufgenommen.  Das war noch vor den 30er Jahren. Da gab es ein Bild von Otto Dix. Es lagen spielende Kinder auf einem Teppich, soweit ich mich erinnere, die spielten mit einem Springseil.  Das Bild war so gut: zum Greifen nahe Kinder darauf. Da war sie wieder, die Wunderwelt. Das war mein erster Einblick in die Moderne Malerei.

Später bekam ich Privatunterricht im Malen. Es endete aber bald. Mir war das etwas unheimlich. Der Maler sagte zu mir: Ich müsste alles von mir wegtun für die Malerei, mich frei machen von meinen Eltern. Ich müsste alles verlassen, innerlich und äußerlich, um malen zu können. Ich wollte doch meine Eltern nicht verlassen. Ich hatte schon eigene Existenzängste, was aus mir mal werden sollte. Mein Vater sagte immer: „ Ich will hier keine brotlose Kunst im Haus haben.“

Also musste ich irgendeinen bürgerlichen Beruf ausüben. Die Nachbarstochter meines Großvaters wurde Modegrafikerin. Das wurde nun mein neuer Traum. Nun begann die Zeit, in der ich jeden Fetzen Papier mit Modezeichnungen füllte. Alte Vokabelhefte, in denen noch Platz war und halbbeschriebene Blätter holte ich aus Papierkörben. 

  

  

  

  

Gleichzeitig versuchte ich mich in der Portraitmalerei  mit Kohle, Graphit, Tusche, Sepia und Rötel. Alles, was ich anpackte, hatte mit Malen zu tun und geschah mit Leidenschaft, auch wenn ich sonntags die ausgestopften Vögel, den schönen schillernden Erpel von meinem Vater aus dem Lehrmittelraum zum Malen bekam.

Inzwischen hatten sich bei uns zu Hause die Kunstbücher angesammelt. Ich studierte die Alte Malerei, wie auch die Expressionisten. Wie schon gesagt, dabei vergaß ich Raum und Zeit um mich herum.

Viel später, wenn ich nach Stralsund fuhr, nahm ich das Trajekt, damals die einzige Verbindung zwischen Rügen und Stralsund.. Ich fuhr nach Altefahr.

   

Oben auf der Steilküste suchte ich mir Plätze aus, um die wunderbare Silhouette von Stralsund mit den schönen Türmen der Kirchen und der faszinierenden Backsteingotik von erhabener Schönheit zu malen. Die Türme, die sich bei ruhiger See im Wasser spiegelten. So saß ich oben auf der Steilküste, den Block auf den Knien, mit meinem Tuschkasten, ein Schraubglas mit Wasser aus meinem Rucksack genommen und machte voller Erregung leichte Vorzeichnungen mit Bleistift. Es sollten leichte Aquarelle werden. Bald kamen die ersten Zuschauer vorbei und standen neugierig hinter mir. Ich hatte die Angewohnheit den Pinsel im Wasser auszuwaschen, um ihn dann durch den Mund zu ziehen und mit den Lippen anzuspitzen…“Das ist aber gefährlich, was du da machst“, hörte ich die Leute hinter mir sagen. „Ach, das macht nichts!“ war meine Antwort. Ich fand es interessant, dass die Leute auf mich eingingen und fuhr weiter so fort. 

  

  

  

Ein Großonkel von mir lebte in Potthagen bei Greifswald. Er war Förster, trug einen langen Bart wie ein Weihnachtsmann und wohnte in einem großen alten Forsthaus mit einem riesigen Dachboden. 

Darauf hatten sich alte Gegenstände aus vergangener Zeit angesammelt. Große und kleine Pappkartons füllten die Ecken. Eines Tages entdeckte ich eine Schublade mit lauter farbigen Glasperlen darin. Das erzeugte so ein berauschendes Gefühl in mir, das ich nie vergessen konnte. Meine Phantasie begann zu sprühen. In dieser Zeit begann ich mir Märchen auszudenken. Schöne und geheimnisvolle Dinge waren der Anstoß für mich und somit eine ständige Bereicherung.

In dieser Zeit begann ich für mich selbst Theater zu spielen. Wenn meine Eltern nicht zu Hause waren, behängte  ich das Schlafzimmer mit weißen Bettlaken. Das war dann der Himmel. Dabei kam es auch vor, dass ich große Nägel in die Bettgestelle schlug und die Lakenzipfel darüber zwängte. Das ging natürlich nicht gut aus.

  

Damals hatte man nicht die Möglichkeit wie heute mit dem Auto irgendwo hinzufahren. Das musste man mit dem Fahrrad, mit der Kleinbahn oder mit einem normalen Zug erledigen. Ein Auto hatte hier oben ja kaum jemand. Die Ruine von Eldena, ein zerstörtes Kloster, die schon Caspar David Friederich malte, liegt nahe bei Greifswald. Ein Motiv vor dem der große Meister gestanden hatte. Ich kannte seine Bilder und Zeichnungen aus Büchern. Es war Sommer und ich war beklommen vor Ehrfurcht. Aber ich saß davor und malte. 

  

  

Der Maler Louis Douzette suchte sich seine Motive in den Wolken, dem Licht und dem Schatten des Himmels und die Erde blieb oft still darunter.  So hat uns dieser große Maler aus Vorpommern Bilder – eine Welt aus Licht und Schatten im Zuge der Dunkelheit und der Nacht- geschenkt. Von ihm hingen Bilder bei uns zu Hause und trieben mich an, in die flache Landschaft zu fahren auf der Suche nach Licht und Schatten und den romantischen Motiven. 

Aber es ist später alles anders gekommen…!

  

  

  

  

ERIKA    RAUSCHNING